Was ist eigentlich am Anfang wichtig
Ein Artikel für die, die das Lenkdrachenfliegen lernen oder darüber mehr wissen wollen. Er handelt von falschen „Bauernweisheiten“, idealen Lern-Windstärken, der richtigen Drachenwahl und informiert über ein richtiges Verhalten (für Pilot und Material) in Gefahrensituationen (durch Überschätzung).
„Herbstzeit, Sturmzeit, Drachenzeit!“
Ein falscheres und irreführenderes Zitat übers Drachenfliegen gibt es nicht!! Ja, es gibt grammatikalisch keine Steigerung von falsch, aber dennoch gibt es kein falscheres Zitat, weil dieses derart falsch ist, das es einem ambitionierten Drachenflieger in den Ohren furchtbar weh tut!
Wenn man mit dem Drachenfliegen beginnen möchte, hat man meistens als erstes den Gedanken: „Och, schade. Ich kann meinem neuen Hobby dann doch nur im Herbst nachgehen.“ Das ist einfach nur falsch! Wenn man ein wenig aufmerksam die Natur beobachtet, wird man feststellen, dass es das ganze Jahr über Wind gibt – na sowas!
Als Anfänger bei Sturm zu fliegen ist erstens ziemlich dumm und zweitens im Extremfall das Todesurteil für das Material (oder einen selber). Einmal einen Drachen aus Spaß bei Sturm zu zerdeppern ist das eine – aber ernsthaft das Drachenfliegen erlernen zu wollen oder gar zu denken, es zu können, kann ein sehr großer Fehler sein.
Wind in großen Stärken (ab 5 Bft) ist unbarmherzig, das vergessen oder verdrängen viele. Dass ein „kleiner“ Drachen mit weniger als einem Quadratmeter Segelfläche bei engen Turns oder radikalen Powerzone-Manövern einen Menschen von ca. 65kg bei 5 Bft mühelos im Sitzen vom Fleck bewegen kann, daran denkt man in seinem „Anfängerrausch“ nicht. Ganz wichtig: entsprechendes Material vorausgesetzt!
Ein 0815-Aldibomber von Karstadt oder aus dem Spielzeuggeschäft vor Ort wird bei 5 Bft ganz sicher und ganz schnell den Löffel abgeben, ohne weder den Piloten, noch dessen Gemüt zu bewegen. Speziell dafür ausgelegte Drachen schaffen das, auch wenn sie „nur“ 170cm Spannweite haben, was im Vergleich (zu unseren anderen Drachen) recht klein ist.
Natürlich hat man als Anfänger Respekt vor der Größe eines Drachens mit 170m Spannweite, stellt man ihn auf der Flügelspitze neben sich und stellt plötzlich fest, dass er größer oder genauso groß ist, wie man selbst! Dieser Direktvergleich holt einen schnell wieder auf den Boden der Tatsachen über die wirkliche Größe des Sportgerätes zurück, auch wenn er an 30m-Leinen so winzig und niedlich aussieht.
170cm bleiben 170cm – auch in 30m Entfernung zum Piloten! Ebenso bleiben 455cm 455cm, auch wenn sie sich an 45m-Leinen befinden! Und auch bei 5 Bft! Nun aber zurück zum Thema.
Windstärken
Wind gibt es das ganze Jahr hindurch. Mal mehr und mal weniger. Am Meer ist er gleichmäßiger als im Binnenland, da es landschaftsbedingt dort mehr Verwirbelungen gibt, als an der planen Landschaftsoberfläche des Meeres. Außerdem gibt es dort aus eben diesen Gründen (fast) immer Wind.
Zum Anfangen sind Windstärken von 2-3 Bft ideal. Es ist nicht zu wenig, dass der Drachen keinen Druck aufbauen kann und wieder vom Himmel fällt, aber auch nicht zu viel, dass der Lernende Angst um seine Stabilität haben muss. 2-3 Bft sind genau richtig, um die Eigenschaften eines Drachens von ca. 200cm Spannweite ideal hervorzuheben.
Das „Feedback des Drachens“ (d.h. die Reaktion auf Lenkbefehle des Piloten) erfolgt direkt und spürbar, und ein optimaler Lernerfolg kann auf diese Weise erzielt werden. Meine Erfahrung ist, dass mehr Wind die Erfolge des Lernenden optimieren kann, wenn die Zugkraft des Drachens die Erwartungen des Piloten nicht übersteigt oder ihn überrascht.
Drachenwahl
Im Zweifelsfall sollte man lieber einen kleineren Drachen wählen, wenn man sich mit den Windverhältnissen unsicher ist. Wenn man dann feststellt, dass man doch die falsche (zu kleine) Wahl getroffen hat, kann man immer noch umsteigen, als wenn man gleich einen zu großen Drachen nimmt und dann sofort überfordert wird. In diesem schlimmen Fall gibt es ein paar Möglichkeiten, wie man sich und den Drachen auch als Anfänger in solch einer Situation in eine sichere Position bringt.
Verhalten in Gefahrensituationen
Sobald man feststellt – und das wird kurz nach dem Starten des Drachens der Fall sein -, dass man den „falschen“ Drachen für den vorherrschenden Wind gewählt hat und absolut überfordert ist, sollte man dafür sorgen, dass sofort der Druck aus dem Segel genommen wird. Das geschieht logischerweise am Windfensterrand.
Entweder im Zenit oder an den Seiten rechts oder links vom Piloten. Während des Starts, d.h. kurz nach dem Anreißen, wird man die Eigenschaften des Drachens zu spüren bekommen. Entweder, er kippt ab (wenn man den Drachen nicht kennt, darauf nicht gefasst ist und nicht weiß, wie man schnell handeln kann, wird der Drachen wohl oder übel abstürzen und sich womöglich mit voller Wucht in den Boden rammen), er reißt nach vorne und/oder nach oben (darauf kann man sich mit Arschleder sitzenderweise einstellen) und steigt geradewegs in den Zenit.
Letzteres ist der Optimalfall. Im Zenit (der sich am Windfensterrand befindet) hat der Drachen kaum Zug und steht direkt über dem Piloten. Hier sollte man radikale Lenkmanöver vermeiden und den Drachen ganz ruhig halten. Wenn man plötzlich Eigenschaften feststellt, auf die man sich nicht eingestellt hat oder von denen man nicht wusste (z.B. ungeahnt heftigen Lift), sollte man als erstes auf jeden Fall Ruhe bewahren und sie Lage beobachten:
- Wie verhält sich der Drachen?
- Wie verändert sich der Wind?
- Wie sehen die Bodenverhältnisse aus?
- Gibt es Menschen, Tiere, Bäume, Zäune, Gewässer etc. im Gefahrenbereich vor mir?
- Habe ich genug Platz nach vorne für eventuelle Rutschmanöver?
Hat man sich diese Fragen beantwortet, kann man sicher mit dem Landemanöver beginnen. Die letzten drei Punkte sollte man sich auf jeden Fall auch vor dem Start beantworten, damit man im schlimmsten Fall auf der sicheren Seite ist. Sobald der Drachen stabil im Zenit steht, kann man ihn langsam am Windfensterrand (WFR) hinunterführen.
Man muss darauf achten, dass man keine zu großen Lenkbewegungen macht, damit der Drachen nicht versehentlich in die Moderate- oder Powerzone fliegt. Durch minimale Befehle ist es möglich, den Drachen ohne großen Zug fast drucklos am WFR zu Boden sinken zu lassen und zur Landung bringen.
Hat man sich sehr überschätzt und mit größeren Winden und Drachen (in Kombination) zu tun, dann muss man sich auch bei diesem Manöver darauf einstellen, ein paar Meter nach vorne gezogen zu werden. Wie man sich auf einen Überraschungsmoment in Sachen Zug einstellt, soll an einer anderen Stelle beschrieben werden.
Kurz zusammengefasst heißt das für einen Anfänger:
- Niemals den Wind unterschätzen! (2-3 Bft sind ideal)
- Zum Lernen einen dem Wind entsprechenden Drachen auswählen.
- Umgebung sondieren, Windverhältnisse beobachten, Gefahren ausschließen.
- In Gefahrensituationen Ruhe bewahren und aufmerksam bleiben.
- Unterschätze nie deinen Drachen!
von Christin Töws
